APOaktuell - Der Darm im Streik

Fachkommentar: Mag. pharm. Gabriele Müller |

Der Darm im Streik.

Funktioniert unsere Verdauung nicht so wie sie soll, wird das meist aus Scham verschwiegen, obwohl viele Menschen unter Verstopfung (Obstipation) leiden.

Die Häufigkeit des „grossen Geschäfts“ schwankt von Mensch zu Mensch. Als normal gilt alles von drei mal täglich bis drei mal wöchentlich. Nicht jeder muss täglich müssen.

Bei einer Verstopfung ist der Stuhl allerdings verhärtet. Er wird nur langsam durch den Darm transportiert, so dass der Abstand zwischen den Entleerungen grösser als drei Tage ist. Oft kommt es auch zu schmerzhaften Problemen beim Entleeren.

Akute und chronische Verstopfung

Akute Verstopfung tritt nur vorübergehend auf und kann ganz harmlose Gründe (Reise, Bettlägerigkeit usw.) haben. Hier ist vorübergehend der Einsatz von abführenden Substanzen nach einem Beratungsgespräch sicher sinnvoll.

Achtung:
Streikt der Darm aber plötzlich und ohne erkennbare Ursache, muss das schnellstens von einem Arzt abgeklärt werden.

Weitere Alarmsymptome sind

  • Übelkeit eventuell mit Erbrechen
  • Fieber
  • Blähungen mit starkem Druckgefühl und heftigen Schmerzen

Solche Beschwerden könnten auf einen lebensbedrohlichen Darmverschluss hindeuten. Dieser ist ein absoluter Notfall und erfordert sofortige ärztliche Hilfe.

Eine chronische Verstopfung dauert länger. Laut medizinischer Definition ist eine Verstopfung dann chronisch, wenn wenigstens zwei der folgenden Beschwerden mindestens drei  Monate andauern:

  • starkes Pressen
  • man fühlt sich nicht vollständig entleert
  • Gefühl einer Blockade am Darmausgang
  • man muss manuell beim Entleeren nachhelfen
  • harter, klumpiger Stuhl
  • der Bauch fühlt sich aufgebläht und übervoll an
  • zwei oder weniger Darmentleerungen pro Woche

Als Folgen einer chronischen Verstopfung können zusätzliche Beschwerden wie beispielsweise schmerzhafte und juckende Hämorrhoiden im Analbereich durch das Pressen beim Entleeren entstehen. Auch Ausstülpungen der Dickdarmschleimhaut (Divertikel), die sich durch den Druck des zu harten Stuhls auf die Darmwand bilden, sind keine Seltenheit.

Woher kommt die Verstopfung?

Verschiedene Krankheiten wie beispielsweise die Zuckerkrankheit, Morbus Parkinson, Depressionen oder fieberhafte Erkrankungen, Schilddrüsenunterfunktion oder die Hormon-umstellung der Wechseljahre können eine Verstopfung begünstigen.

Schwangerschaft: Besonders im letzten Drittel wird der Darm durch den steigenden Hormonspiegel und den Platzmangel immer träger.

Medikamente: Die Liste der Medikamente, die das komplizierte „System Darm“ beeinflussen ist lang. Hier nur ein paar Beispiele:

  • Medikamente ,die die Bildung der Magensäure hemmen (H2-Blocker, PPIs), auch landläufig Magenschutz genannt und Magensäureneutralisierer (Antazida)
  • Codein, eingesetzt bei starkem Reizhusten
  • manche Bluthochdruckmedikamente und vor allem Entwässerungsmittel
  • Calciumpräparate für Knochen
  • Schlaf- und Beruhigungsmittel, Antidepressiva, starke Schmerzmittel (Opioide) usw.

Fragen Sie beim Arzt und/oder in Ihrer Apotheke nach. Wir beraten Sie gerne!

„Stopfende Lebensumstände“

  • Ungewohnte Umgebungen wie Reisen, Krankenhausaufenthalte, Stress (u.a.) stören den Entleerungsmechanismus (funktionelle Obstipation)
  • Ernährungsumstellung
  • Keine Zeit und keine Ruhe auf der Toilette
  • Aufschieben des Stuhldrangs oft aus beruf-lichen Gründen
  • Hämorrhoiden, die Schmerzen beim Entleeren verursachen
  • längere Bettruhe usw.

Hauptursachen in unseren Breiten sind jedoch eine falsche Lebens- und Ernährungsweise: zu wenig Bewegung, mangelnde Flüssigkeitsaufnahme und vor allem eine Ballaststoff- (Faser) arme Ernährung.

Abführmittel (Laxantien) helfen zwar schnell, beheben aber nicht die Ursache.

Vorsicht:
Für die Selbstbehandlung mit Abführmitteln gilt:

  • keine gewohnheitsmäßige Einnahme
  • möglichst niedrige Dosierung
  • erneute Einnahmen nach erfolgreicher Darmentleerung frühestens am dritten Tag

Bei der Therapie der Verstopfung mit Arzneistoffen gibt es viele Auswahlmöglichkeiten. Hier sind die konventionellen Wirkstoffe den pflanzlichen Laxanzien (siehe unten) unbedingt vorzuziehen, denn diese entleeren den Darm mit erzwungenen Kontraktionen sehr drastisch. Dies führt auf Dauer zu Darmschleimhautschädigungen und Mineralverlusten. Ohne diese Mineralien (vor allem Kalium) erlahmt unser Darm. Ein Teufelskreis entsteht: Kaliumverlust – die Darmträgheit nimmt zu – keine Stuhlentleerung – erneute Einnahme von Abführmitteln… das Ende vom Lied: der Darm ermattet immer mehr und gewöhnt sich an die Abführmittel. Ohne sie geht dann gar nichts mehr.

Für eine akute, kurzzeitige Anwendung nach Ausschluss eines Darmverschlusses stehen folgende Möglichkeiten zur Verfügung:

  • Darmbewegungssteigernde Substanzen wie z.B. Natriumpicosulfat oder Bisacodyl, die den Flüssigkeitsgehalt im Stuhl erhöhen und den Entleerungsreiz auslösen. Sie sollten abends vor dem Schlafengehen mit viel Flüssigkeit eingenommen werden. Die Stuhlentleerung erfolgt in der Regel am nächsten Morgen. Nicht für die Daueranwendung geeignet, da auch sie zu Kaliumverlust führen.
  • Osmotisch wirksame Substanzen steigern mit viel Flüssigkeit eingenommen den Wasseranteil im Darm und erweichen dadurch den Stuhl:
  • Zäpfchen und Klistiere, die lokal im Enddarm innerhalb von 5 – 20 Minuten den Entleerungsreflex durch wasserziehendes Glycerol, durch Gasentwicklung oder Seifen reizen und als Gleitmittel für den Stuhl dienen. Perfekt bei fäkalem Stau im Enddarm wie bei der funktionellen Obstipation z.B. auf Reisen.
  • Salinische Laxanzien: Glaubersalz (Natriumsulfat) oder Bittersalz (Magnesiumsulfat) wirken ziemlich schnell aber auch heftig. Mit viel Flüssigkeit werden Sie einmalig zur Darmreinigung vor Untersuchungen oder bei Beginn von Fastenkuren eingesetzt. Auch hier besteht bei häufigerer Anwendung die Gefahr der Gewöhnung.
  • Macrogole, Milchzucker und Lactulose helfen sanfter. Vorsicht bei Milchzuckerunverträglichkeiten. Gut anwendbar gerade bei Einnahme zur Verstopfung führender Medikamente (z.B. Opioide)
  • Pflanzliche Laxantien auch die Tees sollten aufgrund des Gewöhnungseffekts vermieden werden. Sennesblätter, Sennesfrüchte, Faulbaumrinde, Rhabarberwurzel, Aloe-extrakt… sind zwar rein pflanzlich, aber mit gravierenden Nebenwirkungen (siehe oben). Denken Sie an den Knollenblätterpilz oder die Tollkirsche – auch rein pflanzlich…, oder?

Vorsicht:
Bei Herzpatienten, Schwangeren, Stillenden und Kindern sollte vor Anwendung von Laxantien stets eine/n Arzt/Ärztin konsultiert werden.

Besser:
Mehr Ballaststoffe mit viel Flüssigkeit und regelmässiger Bewegung helfen unserem Darm auf natürliche und sanfte Weise.

Ballaststoffe sind pflanzlicher Natur (Obst, Gemüse, Hülsenfrüchte und Vollkornprodukte…). Sie quellen auf, indem sie viel Wasser binden. Das erhöht das Stuhlvolumen – die Darmpassage wird beschleunigt und der Stuhl weicher – das beugt der Bildung von Divertikeln vor. Die Darmentleerung erfolgt regelmäßig und problemlos ohne Pressen – besonders bei Hämorrhoiden sehr wichtig. Zusätzlich dienen diese Ballaststoffe als Futter für Milliarden nützlicher Bakterien in unseren Darm. Auch diese beeinflussen unsere Verdauung.

Wichtig:
Ballaststoffe müssen quellen können, sonst verstärken sie die Verstopfung. Deshalb ist eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr sehr wichtig

Falls keine Unverträglichkeiten vorliegen, gilt für Erwachsene eine Mindestaufnahmemenge von 30 Gramm Ballaststoffen mit mindestens 1,5 Liter Wasser pro Tag. Am einfachsten ist der Verzehr von viel Gemüse, Obst, Vollkornprodukten… Leider verträgt das nicht jeder.

Durch Produkte aus der Apotheke mit Guarkernmehl oder Apfelpektin kann man ganz einfach den Ballaststoffanteil der Nahrung erhöhen.

Fazit

Lieber mit Ballaststoffen den Darm auf natürliche Weise wieder in Bewegung bringen als mit Abführmitteln eine heftige Entleerung zu erzwingen. So kann er den Streik beenden und wir fühlen uns wieder wohl.

Tipps und Tricks:

  • Zusätzliche Ballaststoffe langsam einschleichend in geringen Mengen ausprobieren. Beim Steigern der Dosis sehr behutsam vorgehen, denn ungewohnte Mengen führen zu starken Blähungen.
  • Eine sanfte Bauchmassage im Uhrzeigersinn mit ätherischen Ölen z.B. von Fenchel oder Kümmel regt die Darmbewegung an und löst auf sanfte Weise schmerzhafte Blähungen.
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